Der Krieg gegen den Untod und die Schließung der Grenzen haben die Grafschaft Selbion schwer getroffen. Trotz allen Entbehrungen geben die Bürger aber nicht auf und finden immer neue Wege, den Drachengöttern für ihre Hilfe zu danken und bestimmte Momente im Jahreszyklus zu feiern. Dabei sind viele dieser Feiertage aus dem bäuerlichen und kirchlichen Leben entstanden und werden im Laufe der zwölf Monde jeweils einem Drachen als Patron zugeteilt. Die folgenden Feiertage sind keinesfalls alle, aber zumindest diejenigen, die in weiten Teilen Selbions Jahr für Jahr gefeiert werden.

Der Feiertagszyklus beginnt im Monat Jaan, dem Eishauch, mit dem Neujahrsfest. Magier und Alchemisten aus dem ganzen Land erhellen in den Dörfern den Himmel mit farbenfrohen Bildern und Explosionen, um das alte Jahr mit Saus und Braus zu verabschieden und das neue ebenso willkommen zu heißen. Zugeordnet wird Neujahr der Drachin Jalana, denn während die Zauberkundigen und Feuerwerkler in den Städten die Bürger erfreuen, nutzen die Gelehrten und Priester die klare Nacht auch für die Sterndeutung und Prophezeiungen. Durch die besondere Reihung von Sternen und Sphären ist das Neujahr für diesen Zweck wie geschaffen, und so geben sich die Weisen Selbions alle Mühe, Prognosen für das kommende Jahr zu treffen.

Im Mond Bon, dem Finstermond, gedenken die Selbiaten am Tag der Toten ihren Verstorbenen. Der schwarze Drache Xynith als Gott des Todes soll mit Trinkopfern und Gebeten friedlich gestimmt werden, und so pilgern viele Familien zu den Grabsteinen ihrer verstorbenen Angehörigen, um Brot zu brechen und Xynith Wein zu opfern. Die Knochenwächter und Priester des Ordens erneuern am Tag der Toten mit Prozessionen auch ihre Bannsprüche und Weihezeichen über den Friedhöfen, auf dass niemand die Überreste zu schändlichen Zwecken nutzen möge und die Toten ruhig im Ewigen Licht wandeln können. In Bogenfurth, in Nightfall und am Silberlauf wird weiterhin in Armeegottesdiensten der Gefallenen des Krieges gedacht. Der Kriegsgraf höchstselbst spendiert außerdem einem armen Gefallenen jedes Jahr ein Heldenbegräbnis.

Die grüne Drachin Nola wacht im Mart, dem Mond der Pfirsichblüte, über das Fest der Aussaat. Wenn Hirse, Hafer, Mais, Weizen und Gerste für den Sommer gesät wurden, versammeln sich die Bauern auf dem Marktplatz und stellen in langen Reihentänzen die Aussaat nach. Aus Tulpen, Krokussen und Narzissen werden auch bunte Girlanden und Kränze geflochten. Traditionell isst man am Fest der Aussaat auch in vermögenderen Haushalten kein Fisch und Fleisch, sondern nur Brot und Gemüse. Nola werden außerdem Trankopfer dargebracht, und Bier ist der Drachin ebenso willkommen wie klares Quellwasser.

Im Ul, dem Sturmwindmond, wird im Namen Amras das Sturmfest gefeiert, und die Frühlingsstürme mit Lichterbooten aus Papier und Kerzen und Papierdrachen begrüßt. An den Fluss- und Seehäfen Selbions gibt es Regatten und Ruderwettbewerbe und, so das Wasser nicht zu kalt ist, in den Baronien der Seefürsten das weithin bekannte Schiffslanzenstechen. Auf dem Estenensee werden Seeandachten abgehalten, und in der Hauptstadt Bogenfurth werden jedes Jahr einige Piraten und Schmuggler begnadigt, um die Drachin des Wassers gütig zu stimmen.

Der Tag der Abspaltung wird im Sut, dem Weidemond, begangen. Hier wird dem Fall Myrias, dem Verrat Steinbecks und der damit einhergehenden Unabhängigkeit Selbions gedacht. Myria, die silberne Hauptgottheit des selbiatischen Drachenpantheons, wacht über diesen Gedenktag. In ihrem Namen werden am Estenensee nicht nur Brandpfeile in Richtung Steinbeck abgefeuert, es gibt auch Heerschauen und Generalaudienzen im Bogenfurther Palast. Kriegsgraf, Thronrat und Barone demonstrieren auf ganz unterschiedliche weltliche Weise ihre Macht und Unabhängigkeit, während der viele Priester des Ordens für die Sünden ihrer Vorgänger mit Geißelungen beten.

Im Elm, dem Lichterscheinmond, wird die Sommersonnenwende begangen, ebenfalls unter der Schutzherrschaft der Drachin Myria. Große Freudenfeuer und lange Blumengirlanden kennzeichnen die Feierlichkeiten. Viele junge Mädchen in der ganzen Grafschaft legen in der Nacht zur Sommersonnenwende auch acht Blumen unter ihr Kopfkissen und träumen dann von der Person, die sie einmal heiraten werden. Dabei dürfen sie aber während des Sonnenwendfestes niemandem von ihrem Traum erzählen, sonst geht er nicht in Erfüllung. Bezeichnend ist auch, dass sich häufig Elfen und Waldgeister den Feiernden anschließen, während sie sonst bürgerlich-selbiatischen Festen eher fernbleiben.

Jul, der Sommergoldmond, ist unter der Schutzherrschaft Droshas der Monat, in dem das Fest der Goldenen Tore stattfindet. Hier werden traditionell die Schatzkammern des Kriegsgrafen geöffnet, auf dass ein jeder den Reichtum und den Wohlstand Selbions auch im Krieg bezeugen möge. Außerhalb von Bogenfurth öffnen viele Klöster und Kirchen nicht nur zeremonielle Eingangstore, die sonst verschlossen bleiben, sondern holen aus den Heiligtümer auch die kostbarsten Reliquien, um sie in aufwendigen Prozessionen den Gläubigen zu zeigen.

Im Silbermond Myr wird das Silberlohenfest gefeiert. Die Selbiaten schreiben auf kleinen Zetteln oder kostbaren Schriftrollen ihre Wünsche, Bitten und Gebete an die Drachen auf, die dann rituell verbrannt werden. Dabei ist das Feuer dank magischer Sprüche und alchemistischen Mixturen stets silbrig schimmernd, um die Anwesenheit Myrias und damit das Erhören der Gebete zu verdeutlichen.

Dem Gottdrachen des Windes Kasunt wird im Sept, dem Mond der Ährenfuhr, mit dem Siebenwindtag gedacht. In der ganzen Grafschaft lassen die Selbiaten Papierdrachen und Himmelslichter steigen, doch an einem Ort treffen sich auch die Priester des Kasunt, um über ihre Reisen und Schicksale zu sprechen und zur Abwechslung gemeinsam zum weißen Drachen zu beten. Auf den Türmen so mancher Stadt und auf so manchem Berg machen sich auch Wettermagier einen Spaß daraus, die sieben Winde freizulassen und die Grafschaft so mit imposanten Naturschauspielen, donnernden Gewittern und starken Winden zu überziehen.

Kasunt ist auch der Schutzherr des Blutkronenmondes Fell, in dem das Rotblattfest gefeiert wird. Eigentlich wird hier der Herbst in den Mittelpunkt gestellt und die rotgelben Laubblätter finden sich in Dekoration und Festmahl wieder. Das Rotblattfest ist aber auch der Tag, an dem die Selbiaten für einen guten Winter beten, auf dass ihre Vorräte ausreichen und sie nicht erfrieren mögen. Die Adeligen der Lehen spenden zu diesem Zweck aus ihren Reichswäldern oftmals etwas Brennholz für die Höfe ihrer Bauern. Einen bitteren Beigeschmack erhalten die Feierlichkeiten allerdings auch durch den Blutkronenmord im ersten Jahr der Angst, und der Hochadel feiert aus Aberglaube oder tatsächlicher Angst lieber hinter verschlossenen Türen.

Im Kar, dem Mond des Winterfalls, findet unter dem Patronat Yanuts das Fest von Hammer und Amboss statt. Die Schmiede in Dörfern und Städten versuchen hier, mit ihren Feuern den Schnee zu schmelzen, und viele Bauern und Bürger versammeln sich an den Essen, um in der Wärme Geschichten über Bergmänner, edle Steine und Zwergenlegenden zu lauschen. In Bogenfurth wird außerdem von Priestern des Yanut im Ewigen Feuer des Achtdrachentempels der Kriegshammer des Grafen neu geschmiedet.

Xynith beendet den Zyklus der Feiertage und damit das Jahr im Lem, dem Kaltschattenmond, mit der Wintersonnenwende. An Lagerfeuern, Kaminen und Kohlenschalen werden zusammen mit Trinksprüchen auf die Gesundheit und ein langes Leben bunte Geschenke ausgepackt, ursprünglich um die Kinder der Bauern von der klirrenden Kälte abzulenken. Viele Adelige nutzen die Wintersommerwende für einen letzten Ausritt vor dem Neujahr, um in der Kleidung eines Botenreiters eben diese Geschenke zu überbringen. War der Bote da, werden die Fenster und Türen verschlossen, denn wenn die Schatten des Feuers zu lang werden, so erwachen sie der Legende nach zu wütenden Schattenwesen.

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